Kleinkindererziehung Kleinkindererziehung

DIE ELTERLICHE ZUCHT
"... durch die Rute den Eigensinn vertreiben"
Erziehungsbücher des 19. Jahrhunderts

 
In den Erziehungsbüchern des 19. Jahrhunderts wird immer wieder betont, daß man so früh wie möglich, schon im 5. Monat, beginnen müsse, das Kind zu erziehen, wenn man es vom schädlichen "Unkraut befreien" wolle. Dr. Schrebers Erziehungsbücher zum Beispiel waren in Deutschland so populär, daß sie zum Teil vierzig Mal aufgelegt und in mehrere Sprachen übersetzt wurden.

Vertreibung des Eigensinns

In den "Ratschlägen für die Erzieher" aus dem Jahre 1858 empfiehlt Dr. Schreber, bereits bei Kleinkindern dem Eigensinn entgegenzutreten. So sollen "die durch grundloses Schreien und Weinen sich kundgebenden Launen der Kleinen" u.a. durch "bis zur Beruhigung oder zum Einschlafen des Kindes beharrlich wiederholte körperliche fühlbare Ermahnungen" bekämpft werden.

Die größte Sorge bereitete den Erziehern seit jeher die Halsstarrigkeit, der Eigensinn, der Trotz und die Heftigkeit der Kleinkinder. In den Erziehungsbüchern wird immer wieder darauf hingewiesen, daß mit der Erziehung nicht früh genug angefangen werden kann. J. Sulzer (in "Versuch von der Erziehung und Unterweisung von Kindern", 1748) rät allen Erziehern, "daß sie ihnen gleich anfangs ... durch die Rute den Eigensinn vertreiben" sollen, um dadurch "gehorsame, biegsame und gute Kinder" zu bekommen. Der Eigensinn sollte durch "eine ganz mechanische Art" (also durch fühlbaren körperlichen Schmerz) "in den ersten drei Jahren" bekämpft sein.

Erziehung zum Gehorsam

"Wir definieren den Gehorsam als die Unterordnung des Willens unter einen berechtigten anderen Willen" (aus "Enzyklopädie des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesen", 1887).
Neben der Bekämpfung des Eigensinns sollte nach J. Sulzer (aaO) "anfangs im zweiten und dritten Jahr das Hauptwerk der Arbeit auf den Gehorsam gehen". - "Dieser Gehorsam ist so wichtig, daß eigentlich die ganze Erziehung nichts anderes ist, als die Erlernung des Gehorsams". Das Kind müsse daran gewöhnt werden, "seinen Eltern zu gehorchen". Als Mittel zur Erlernung des Gehorsams empfiehlt J. Sulzer, "Gewalt und Zwang" zu gebrauchen. Kinder müßten sich - so das Erziehungsziel der Erlernung des Gehorsams - "dem Willen der Eltern unterwerfen". - Also ist der Gehorsam zu pflegen, in dem der Erzieher "seine Macht ausübt, was durch ... Strafen geschieht", so durch Zufügung von "körperlichen Schmerz", meint die genannte Enzyklopädie. Und weiter dort: "Mit Recht macht die Pädagogik darauf aufmerksam, daß schon das Kind in den Windeln einen Willen hat und dem gemäß zu behandeln ist".

Bekämpfung der Halsstarrigkeit

Auch mit der Bekämpfung der Halsstarrigkeit kann nach den Erziehungsbüchern nicht früh genug begonnen werden. J. G. Krüger (in "Gedanken von der Erziehung von Kinder", 1752) empfiehlt, Kinder "zu schlagen", wenn sie sich aus Bosheit weigern, das zu tun, was die Eltern wollen. Dabei soll man mit dem Schlagen "nicht eher aufhören", bis das Kind "das tut, dessen es sich vorher aus Bosheit weigerte". Dabei sei es "recht und billig", Kinder wegen allen "Kleinigkeiten zu schlagen, wenn sie es aus Bosheit getan haben".

Unterdrückung von Gefühlen

Nach J. Sulzer (aaO) dienen "alle Übungen, welche die Kinder sich selbst überwinden lernen, die sie geduldig und standhaft machen, zur Unterdrückung der Neigungen". Das Kind soll dabei lernen, eine schlimme Neigung oder Gewohnheit besser zu überwinden. Solche Übungen können z.B. sein: das Stillschweigen (für ein paar Stunden), das Stillstehen (dto.). Weiter empfiehlt J. Sulzer: "Laßt sie hungern, dürsten, Hitze und Frost ausstehen, harte Arbeit verrichten". Sofern die Kinder die Übungen "nicht aushalten" können, so soll man sie "liebreich bestrafen und vermahnen". - "Ich verspreche euch, daß die Kinder durch solche Übungen tapfere, standhafte und geduldige Gemüter bekommen werden, die hernach desto eher tüchtig sein werden, die bösen Neigungen zu unterdrücken".
Auch sollen Kinder nach geendigter Züchtigung erneut geschlagen werden, wenn sie sich durch Weinen und Ächzen "rächen". J. B. Basedow ("Methodenbuch für Väter und Mütter der Familien und Völker", 1773) empfiehlt, "solche beschwerlichen Töne" zu bestrafen, "bis nach dem Ende der neuen Züchtigung das Weinen aufhört".

Lernen und Zucht

Kinder müssen "zuerst erzogen sein..., ehe sie unterrichtet werden können. Es gibt wohl eine Zucht ohne Lehre..., aber keine Lehre ohne Zucht", empfiehlt die schon bereits erwähnte Enzyklopädie (aaO) aus dem Jahre 1887 und stellt fest: "Zum Lernen gehört Zucht". Kinder sollen also mit den Mitteln der Zucht, der "Tat" (gemeint sind körperliche Züchtigungen) und dem "Befehl" den Schulstoff erlernen. Und aus dieser Enzyklopädie geht weiter hervor, "daß Zucht ... wesentliche Strafe" ist.

Zucht und Lebenshemmung

Für die bereits mehrmals erwähnte Enzyklopädie (aaO) ist Zucht "Lebenshemmung, sie ist mindestens Einschränkung der Lebenstätigkeit", auch "teilweise Aufhebung des Lebensgenusses, der Lebensfreunde". Und ohne körperliche Einwirkungen geht danach gar nichts: "Daß in dem Werk der Erziehung eine gesunde Zucht der körperlichen Züchtigung niemals wird entbehren können, ist in der Erörterung des Begriffs der Strafe nachzuweisen. Ihre frühzeitige und nachdrückliche ... Anwendung ist geradezu die Grundlage aller echten Zucht, weil das Fleisch die Macht ist, welche in erster Linie gebrochen werden muß".

Der eigentliche Höhepunkt der Strafen: die körperliche Züchtigung

Nach der bereits erwähnten Enzyklopädie (aao) "gelangen wir mit der energischsten Straftat ... auf den eigentlichen Höhepunkt der Strafen..., der körperlichen Züchtigung. Wie die Rute das Symbol der väterlichen Zucht im Haus gilt, so der Stock als Hauptwahrzeichen der Schulzucht". Diese Strafe "demütigt und erschüttert, sie bezeugt tatsächlich die Notwendigkeit der Beugung unter eine höhere Ordnung und gibt dabei doch die ganze Energie der väterlichen Liebe zu erkennen". Und A. Matthias (in "Wie erziehen wir unseren Sohn Benjamin", 1902) empfiehlt dabei "das Kind mit dem ersten Tag seines Erdendaseins von Ordnung und Zeit in Genusse seiner Nahrung zu gewöhnen" und dabei "auch vor Strafen nicht" zurückzuschrecken unter Zuhilfenahme der Bibel: "Die Bibel sagt (Sirach, 30, 1): Wer sein Kind lieb hat, der hält es stets unter der Rute, daß er hernach Freude an ihm erlebe".

Rob Miller

1990

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