Evangelisch-Lutherische Gossner-Kirche

Die Evangelisch-Lutherische Gossner-Kirche in Chotanagpur und Assam

Die Gossner-Kirche ist mit über 450.000 Mitgliedern die größte lutherische Kirche Indiens. Sie hat 250 Pastoren und 1.800 Katecheten. Ihre Mitglieder sind zu über 97 % Ureinwohner (Kols/Adivasi*).

Von der Gossner-Mission zur Evangelisch-Lutherischen Gossner-Kirche in Chotanagpur und Assam

Die Gossner-Mission ging aus der Arbeit des Pfarrers Johannes Evangelista Gossner hervor. Gossner (1773 bis 1858) war ursprünglich katholischer Priester gewesen. Nach der Annahme des evangelischen Bekenntnisses wurde er Prediger an der Bethlehemskirche in Berlin, gründete Kleinkinderschulen, das Elisabeth-Krankenhaus und die Gossnersche Missionsgesellschaft. Ab 1836 sandte diese die ersten Missionare, die mehr Bauern und Handwerker als Theologen waren, in alle Kontinente aus.
Die heutige große Volkskirche in der Provinz Chotanagpur hatte ihre Anfänge als 1844 vier von ihnen, geprägt durch Vater Gossners Missionsverständnis, zu dem sowohl Evangelisation als auch Überwindung der materiellen Not gehört, in Kalkutta ankamen. Als die jungen Pionier-Missionare einen eingeborenen Straßenarbeiter (einen sogenannten Kol) kennen lernten, erkannten sie in ihm den Mann aus Mazedonien, der nach der Apostelgeschichte (16, 9) Paulus um Hilfe rief, den ersten Schritt zu tun, den Völkern Europas die frohe Botschaft zu bringen. Sie vernahmen seine Stimme: Kommt und helft uns in Chotanagpur!
So beschlossen sie, ihr Missionsfeld in der Heimat dieses Menschen, dem in der südlichen Hälfte des heutigen Staates Bihar gelegenen Hochplateau, zu suchen. Nach ihrer Ankunft in Ranchi 1845 errichteten sie dort ihre Missionsbasis und ernährten sich von eigener Landwirtschaft. Sie unterstützten die Landbevölkerung durch Bildungsarbeit und Rechtshilfe in ihrem Aufbegehren gegen Steuereintreiber, die die alte Ordnung des dörflichen Gemeinschaftseigentums zerstörten. Nach vielen anfänglichen Mißerfolgen wurden am 9. Juni 1850 die ersten vier Uraon-Familien getauft. Von 1851 bis 57 bauten die Missionare in Ranchi eine Kirche von erstaunlicher Größe. Welche Glaubenszuversicht hatten doch diese Handwerker aus Deutschland! Die Christuskirche ist heute noch die größte im Staat Bihar.
Bald entwickelte sich eine Massenbewegung unter den Kols/Adivasi. Vor allem nach den Sepoy Mutiny (1857) begannen die Menschen in steigender Zahl das Christentum anzunehmen, so daß bis 1900 eine Gemeinde von 100.000 entstanden war. Jungen- und Mädcheninternate wurden in Ranchi und an weiteren Orten eingerichtet. Eine Grundschule, ein Theologisches Seminar, ein Krankenhaus und ein Lepraasyl folgten. Es begann die Missionstätigkeit unter Kols/Adivasi, die als Wanderarbeiter ihre Heimat verließen, so entstanden Gemeinden in Assam, Delhi und auf Inseln im Golf von Bengalen. Die Arbeit wurde in zehn verschiedenen Sprachgruppen weitergeführt.
Trotz der schnellen Zunahme der Mitgliederzahl war die Gossner-Kirche mit zunehmenden Problemen konfrontiert. Die Gründung schismatischer Kirchen unter den Kols 1869 durch die Anglikanische SPG und am Ende des 19. Jahrhunderts durch die Römisch-Katholische Kirche führte zu großen Verlusten für die Gossner-Kirche. Unterdrückungsmaßnahmen muslimischer und hinduistischer Herrscher führten zu weiteren Erschwernissen. Rivalitäten zwischen den beiden Hauptstämmen der Kols, Mundas und Uraons, behinderten eine vollständige Einigkeit innerhalb der Kirche.

Frühe Selbständigkeit

1914 ließ die Internierung der deutschen Missionare die Kirche verwaist und ohne finanziellen Rückhalt zurück. Trotz anglikanischer Angebote, die finanzielle Verantwortung zu übernehmen, gaben die indischen Gossner-Verantwortlichen ihrer Entschlossenheit Ausdruck, beim lutherischen Bekenntnis zu bleiben. Durch die Unterstützung des Nationalen Missionsrates von Indien konnte sich 1919 die Autonome Evangelisch Lutherische Gossner-Kirche formieren und übernahm den gesamten Missionsbesitz. Sie war damit die erste unabhängige, protestantische Kirche Indiens. Ein überkonfessionelles Kuratorium mit einem amerikanischen Lutheraner als leitendem Sekretär führte zeitweise ihre Geschäfte. Lutheraner in Amerika versprachen Menschen und Mittel um das Feld zu bestellen und der Nationale Lutherische Rat gab Subventionen.
Die deutschen Missionare konnten 1925 zurückkehren, nun allerdings als Mitarbeiter einer autonomen Kirche. Der Lutherische Weltbund unterstützte Gossner-Institutionen durch Zuschüsse. Die Gossner-Mission hat noch bis 1969 Fachleute mit theologischen und entwicklungsbezogenen Berufen nach Indien gesandt. Heute finanziert sich die Gossner-Kirche selbst, in den armen Regionen auf indische Weise: Die Frauen legen vor jeder Mahlzeit Reis beiseite, den sie sonntags zum Gottesdienst mitbringen. Eine starke Rückbindung an alte Traditionen vollzieht sich in den von Trommeln begleiteten Tänzen und den Liedern, die nun die christliche Botschaft verkündigen.

Bildungs- und Sozialarbeit

Die Kirche unterhält 150 Schulen, darunter 9 Colleges, für Jungen und Mädchen aller Religionszugehörigkeiten. Sie bildet Katecheten und Theologen aus. Weitere Projekte: Ein aus der Missionsarbeit hervorgegangenes Krankenhaus in einer abgelegenen Waldregion. Diverse Gesundheitsstationen und Berufsbildungszentren in Zusammenarbeit mit anderen Kirchen und christlichen Organisationen. Mit dieser Arbeit leistet die Gossner-Kirche wertvolle Beiträge zur eigenständigen Entwicklung der Adivasi.
In einzigartiger Weise verbindet sie christliche Mission mit regionaler Entwicklung. In ihrem Zentrum zur Entwicklung menschlicher Potentiale, werden Pastoren und Katecheten fortgebildet: In einem Fünf-Punkte-Programm stehen neben Evangelisation Unterricht für alle Altersstufen, Gesundheitserziehung, einkommensschaffende Projekte und finanzielle Beratung. Ein wichtiger Aspekt der Fortbildung ist, dass die traditionellen Dorfgemeinschaften wieder gefestigt werden.

Ausländische Partner der Gossner-Kirche

Die Gossner-Kirche ist Mitglied des Ökumenischen Rates der Kirchen und des lutherischen Weltbundes und nimmt darüber an der ökumenischen Bewegung teil. Direkte Partnerschaften unterhält sie über die Gossner-Mission zu evangelischen Landeskirchen in Deutschland. Durch Gemeindedienste, Informationen und Besucheraustausch pflegt die Gossner-Mission die Verbindungen zu Gemeinden und Freundeskreisen. Besonders wichtig ist ihr dabei die Begegnung zwischen Partnern in Indien und Deutschland aus Regionen, die von Umstrukturierungen in Landwirtschaft und Industrie betroffen sind.
* Adivasi ist die Selbstbezeichnung der Ureinwohner Indiens. Wörtlich die Ersten im Land. Sie gehören einer Vielzahl von Völkern mit unterschiedlichen Sprachen und kulturellen Ausprägungen an. Seit etwa 3000 Jahren leben sie, verdrängt von arischen Invasoren, in Bergregionen. Ähnlich den sogenannten Unberührbaren stehen sie auf der untersten Stufe des indischen Gesellschaftssystems. Obwohl sie vom Staat mit Sonderrechten ausgestattet werden, stehen sie nach wie vor am Rande der Gesellschaft. Von der Nutzung der reichlich vorhandenen Bodenschätze und der natürlichen Ressourcen profitieren sie nicht, vielmehr werden sie vertrieben und ihre Lebensgrundlagen zerstört. Durch den Verlust ihrer eigenen Kulturen und Wirtschaftsweisen und den Folgeerscheinungen wie Alkoholismus setzt sich der soziale Abstieg fort. Heute gibt es viele Initiativen, die die Traditionen der alten Kultur aufnehmen wollen, um der Region eine nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen.
 

Johannes Gossner (1773-1858)




Christuskirche, erbaut 1851-57 von
Gossner-Missionaren


GELCh-Komplex
in
Ranchi


Bereich der Gossner-Kirche,
der großen lutherischen Kirche Indiens






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